Supplements im Triathlon und Ausdauersport: Hype oder Gamechanger?
Kaum ein Thema wird in der Ausdauer-Bubble so emotional diskutiert wie Supplemente. Von AG1 über Magnesium bis Ketone gibt es unzählige Produkte, die mehr Leistung, bessere Regeneration oder optimale Gesundheit versprechen. Die nüchterne Doppelbotschaft: Die meisten Supplemente wirken deutlich schwächer als die Werbung suggeriert – ein paar wenige haben aber tatsächlich solide Evidenz und können einen messbaren Vorteil liefern. Diesen Artikel gibt es als ausführliche Variante, hier die kompakte Einordnung; eine kritische Betrachtung des Marketings steht in Supplements der Social-Media-Bubble.
Training schlägt Supplemente. Ernährung schlägt Supplemente. Schlaf schlägt fast alles.
Die Supplement-Pyramide
Die Basis mit dem größten Effekt ist banal: Training, Schlaf, Regeneration, Energiezufuhr, Kohlenhydrate, Protein, Flüssigkeit. Erst wenn diese Faktoren stimmen, lohnt überhaupt der Blick auf Supplemente. Wer fünf Stunden schläft und zwanzig Kapseln nimmt, optimiert am komplett falschen Ende.
Was wirklich Evidenz hat
Koffein ist das am besten belegte Leistungssupplement überhaupt: bessere Ausdauerleistung, höhere Konzentration, geringere wahrgenommene Belastung, höhere Schmerztoleranz. Üblich sind 3–6 mg/kg Körpergewicht etwa 45–60 min vor Belastung. Passt zu praktisch allen Ausdauerformaten. Evidenz sehr hoch (Guest 2021).
Kreatin verbessert vor allem Sprint- und Kraftleistung. Der direkte Effekt auf die Ausdauer-Wettkampfleistung ist gering, der indirekte kann groß sein – bessere Laufökonomie, höhere Belastbarkeit, bessere Krafttrainingsanpassung, geringeres Verletzungsrisiko. 3–5 g täglich, möglicher Nachteil ist eine leichte Gewichtszunahme durch Wassereinlagerung. Evidenz sehr hoch (Kreider 2017).
Nitrat (z. B. Rote-Bete-Saft) verbessert die NO-Produktion, Durchblutung und Sauerstoffeffizienz. Sinnvoll bei 10 km, Halbmarathon, OD, Mitteldistanz, Zeitfahren; meist 400–800 mg Nitrat 2–3 h vorher. Evidenz hoch (McMahon 2017).
Beta-Alanin erhöht die Carnosinspeicher und damit die Säurepufferung – besonders bei Belastungen von 1–10 Minuten (Sprinttriathlon, Bahnläufe, Intervalle). 3–6 g täglich, Nebenwirkung ist das harmlose Hautkribbeln. Evidenz hoch (Trexler 2015).
Natriumbicarbonat verbessert die Laktatpufferung bei intensiven Belastungen, kann aber Magenprobleme, Übelkeit und Durchfall verursachen. Evidenz hoch, Verträglichkeit individuell.
Wichtiger als jedes Supplement: Sportnahrung
Kohlenhydrate sind wahrscheinlich der größte Leistungshebel überhaupt. Ein Langdistanz-Athlet profitiert meist stärker von 90–120 g Kohlenhydraten pro Stunde als von jedem exotischen Pulver – mehr dazu in Einmal volltanken, bitte und Carboloading. Trainiere zuerst die Kohlenhydrataufnahme, nicht die Supplementschublade. Elektrolyte sind sinnvoll bei langen Belastungen, Hitze und hoher Schweißrate (siehe Salz auf deiner Haut, Teil 3: Schweiß). Protein (etwa 1,4–2,0 g/kg täglich) unterstützt Regeneration und Muskelerhalt – Proteinpulver ist dabei nur eine praktische Nahrungsquelle, kein Wundermittel.
Gesundheit und Recovery
Eisen ist relevant für Frauen, Vegetarier, Veganer und Vieltrainierende – aber nur nach Blutdiagnostik supplementieren, niemals blind. Evidenz hoch bei nachgewiesenem Mangel. Vitamin D sinnvoll in den Wintermonaten oder bei Mangel. Omega-3 mit moderater Evidenz für Herz-Kreislauf und Entzündungsmanagement. Sauerkirschsaft (Tart Cherry) kann in Wettkampf- oder Trainingslagerphasen Muskelkater und Entzündungsmarker reduzieren – im normalen Trainingsalltag eher weniger sinnvoll, weil Entzündungsreaktionen Teil der Anpassung sind (siehe Regeneration ist part of the game). Evidenz mittel.
Die Social-Media-Bubble
AG1 ist ein Mix aus Vitaminen, Mineralstoffen, Pflanzenextrakten, Pro- und Präbiotika und Adaptogenen. Für das Gesamtprodukt existiert keine starke Evidenz für bessere Leistung, Regeneration oder Gesundheit bei gut ernährten Sportlern – die Argumente stützen sich auf theoretische Vorteile einzelner Inhaltsstoffe. Für Menschen mit schlechter Ernährung oder Vielreisende vielleicht praktisch, ein Performance-Supplement ist es nicht. Evidenz niedrig.
BCAA haben starkes Marketing, aber bei ausreichender Proteinzufuhr meist keinen Zusatznutzen. EAA sind etwas sinnvoller, evtl. interessant in Diäten, bei älteren Athleten oder sehr langen Belastungen. Magnesium verhindert beim gesunden Athleten Krämpfe nur schwach belegt – sinnvoll bei echtem Mangel (zur differenzierten Krampf-Ursache siehe Salz auf deiner Haut, Teil 3: Schweiß). Ketone sind teuer, mit uneinheitlicher Studienlage und häufigen Magenproblemen. Hochdosierte Antioxidantien (Vitamin C/E) können Trainingsanpassungen sogar abschwächen.
Prioritätenliste
| Tier | Substanzen |
|---|---|
| 1 | Kohlenhydrate, Protein, Elektrolyte, Koffein |
| 2 | Kreatin, Nitrat, Eisen (bei Mangel), Vitamin D (bei Mangel) |
| 3 | Beta-Alanin, Natriumbicarbonat, Omega-3, Sauerkirschsaft |
| 4 | AG1, BCAA, Fatburner, Detox-Produkte, die meisten Booster |
Fazit
Die Supplementindustrie lebt davon, dass Sportler nach Abkürzungen suchen. Die Wissenschaft ist nüchterner: Über 90 % des Erfolgs stammen aus Training, Ernährung, Schlaf und Regeneration. Wirklich starke Evidenz haben nur wenige Substanzen – Koffein, Kreatin, Nitrat, Beta-Alanin, Natriumbicarbonat. Sauerkirschsaft kann in Wettkampfphasen helfen, AG1 ist bestenfalls praktisch. Keines davon ersetzt eine gute Ernährung.
Der Athlet mit perfekter Ernährung und acht Stunden Schlaf wird fast immer schneller sein als der mit zwanzig Supplements und fünf Stunden Schlaf.
Weiterführend: Supplements der Social-Media-Bubble, Einmal volltanken, bitte, Gibt es Alternativen zu teuren Gels?, Kein Alkohol ist auch keine Lösung?.
Quellen
- Maughan RJ et al. (2018). IOC consensus statement: dietary supplements and the high-performance athlete. Br J Sports Med. DOI 10.1136/bjsports-2018-099027
- Guest NS et al. (2021). ISSN position stand: caffeine and exercise performance. JISSN. DOI 10.1186/s12970-020-00383-4
- Kreider RB et al. (2017). ISSN position stand: safety and efficacy of creatine supplementation. JISSN. DOI 10.1186/s12970-017-0173-z
- Trexler ET et al. (2015). ISSN position stand: Beta-Alanine. JISSN. DOI 10.1186/s12970-015-0090-y
- McMahon NF et al. (2017). The effect of dietary nitrate supplementation on endurance exercise performance. Sports Med. DOI 10.1007/s40279-016-0617-7