Vegane Ernährung im Ausdauersport

Kaum ein Ernährungsthema wird im Ausdauer- und Triathlonsport so kontrovers diskutiert wie die vegane Ernährung. Befürworter sehen darin die Zukunft – bessere Gesundheit, schnellere Regeneration, weniger Entzündungen, mehr Nachhaltigkeit. Kritiker verweisen auf Eisenmangel, Proteinfragen und die auffällige Tatsache, dass viele der erfolgreichsten Ausdauerathleten der Welt eben nicht vegan leben. Was sagt die Wissenschaft?

Was heißt vegan – und was wird knapp?

Vegane Ernährung verzichtet vollständig auf tierische Lebensmittel (Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Eier, Honig) und stützt sich auf Getreide, Kartoffeln, Reis, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen. Für Ausdauersportler heißt das zunächst: Kohlenhydrate sind selten das Problem. Die Herausforderungen liegen bei Protein, Eisen, Vitamin B12, Omega-3, Calcium, Jod und Vitamin D.

Die Vorteile

Hohe Kohlenhydratverfügbarkeit. Ausdauersport läuft primär über Kohlenhydrate, und vegane Ernährung liefert davon oft automatisch reichlich – viele Athleten erreichen die empfohlenen Mengen für Training und Wettkampf leichter (siehe Carboloading).

Hohe Mikronährstoffdichte. Häufig mehr Ballaststoffe, Polyphenole, Antioxidantien und sekundäre Pflanzenstoffe, die mit positiven Effekten auf Herz-Kreislauf- und Stoffwechselgesundheit in Verbindung stehen.

Nachhaltigkeit und Ethik. Für viele steht gar nicht die Leistung im Vordergrund, sondern Tierwohl, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Das ist eine legitime und respektable Motivation – und nicht Gegenstand der Leistungsdiskussion.

Die Herausforderungen

Vitamin B12 ist der einzige Punkt mit vollständiger wissenschaftlicher Einigkeit: B12 muss bei veganer Ernährung supplementiert werden, keine Option, sondern Pflicht. Ein Mangel kann zu Anämie, Müdigkeit, neurologischen Schäden und Leistungseinbußen führen.

Eisen ist schon bei omnivoren Ausdauerathleten häufig knapp; vegane Athleten haben ein zusätzlich erhöhtes Risiko, weil pflanzliches Eisen schlechter aufgenommen wird als tierisches Häm-Eisen. Besonders gefährdet sind Läufer, Triathleten, Frauen und Vieltrainierende. Regelmäßige Blutkontrollen sind sinnvoll – und supplementiert wird nur nach Diagnostik (siehe Supplements im Triathlon).

Proteinqualität. Das Vorurteil, vegane Athleten könnten keine Muskeln aufbauen, ist falsch – aber die Versorgung braucht mehr Planung. Quellen sind Soja, Tofu, Tempeh, Hülsenfrüchte, Seitan, vegane Proteinpulver. Wegen der im Schnitt geringeren biologischen Wertigkeit werden veganen Ausdauerathleten oft 1,6–2,0 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag empfohlen (Rogerson 2017).

Omega-3. EPA und DHA stammen normalerweise aus Fisch; vegane Alternativen sind vor allem Algenöl (am ehesten empfohlen), dazu Leinöl, Chiasamen, Walnüsse.

Die unbequeme Frage: Wo sind die veganen Weltmeister?

Hier wird es interessant. Während vegane Ernährung im Breitensport zunimmt, finden sich unter den dominierenden Ausdauerathleten der letzten Jahre kaum Veganer – weder unter den Top-Marathonläufern noch an der Spitze von Triathlon oder Radsport. Ob das schlicht an der kleinen Grundgesamtheit liegt (noch hat es kein Veganer ganz nach oben geschafft) oder ein systemisches Phänomen ist, lässt sich seriös nicht abschließend sagen.

Was es nicht bedeutet: dass vegane Ernährung nicht funktioniert – es gibt erfolgreiche vegane Ausdauerathleten. Was die Realität des Spitzensports aber bislang nicht stützt, ist die Behauptung, vegane Ernährung sei der nächste große Leistungsvorteil. Die wahrscheinlichste Einordnung, im Einklang mit dem wissenschaftlichen Konsens:

Vegane Ernährung ermöglicht Spitzenleistungen, verbessert sie aber nicht automatisch.

Möglich – aber anspruchsvoller

Die entscheidende Frage ist nicht "Kann man als Ausdauerathlet vegan leben?" (eindeutig ja), sondern "Bin ich bereit, meine Ernährung genauso sorgfältig zu planen wie mein Training?" Vegane Ernährung funktioniert nicht durch das Weglassen von Fleisch, sondern durch gezielte Planung – sonst landet man genau bei den Mängeln, die ihren schlechten Ruf ausmachen.

Fazit

Eine gut geplante vegane Ernährung kann im Ausdauer-, Rad- und Triathlonsport erfolgreich funktionieren. Die Vorteile liegen in hoher Kohlenhydratverfügbarkeit, hoher Mikronährstoffdichte und ethisch-ökologischen Aspekten. Die Risiken liegen bei B12, Eisen, Protein, Omega-3, Calcium und Jod. Aktueller Stand: Vegan ist möglich, vegan ist nicht automatisch besser, und die großen Siegerpodeste liefern bislang keinen Beleg für einen entscheidenden Leistungsvorteil. Vielleicht ändert sich das. Bis dahin bleibt es vor allem eine persönliche Entscheidung – nicht die einzig richtige Sporternährung.

Weiterführend: Supplements im Triathlon: Hype oder Gamechanger?, Fettes Thema: Gewichtsmanagement, Carboloading.

Quellen

  • Thomas DT, Erdman KA, Burke LM (2016). ACSM Joint Position Statement: Nutrition and Athletic Performance. Med Sci Sports Exerc. PMID 26891166
  • Rogerson D (2017). Vegan diets: practical advice for athletes and exercisers. JISSN. DOI 10.1186/s12970-017-0192-9
  • Lynch H, Johnston C, Wharton C (2018). Plant-based diets for cardiovascular safety and performance in endurance sports. Nutrients. PMID 30060582
  • Craddock JC et al. (2016). Vegetarian and omnivorous nutrition – comparing physical performance. Int J Sport Nutr Exerc Metab. PMID 26568522